Bildhauerfamilie Busch
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Die Geschichte einer Ohrfeige
400 Jahre Busch in Steinheim
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4. Gen. diverse Arbeiten
5. Gen.diverse Beisp.
6. Gen.diverse Arbeiten
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Eine Ohrfeige zur rechten Zeit        
                                 
Erzählung nach tatsächlichen Begebenheiten  von Josef Busch

 ,,Eine Ohrfeige zur rechten Zeit‘ - das war eine lehrreiche Erzählung in meinem Frankfurter Schullesebuche. Heute noch — nach mehr als fünfunddreißig Jahren —sehe ich meinen Vater vor seiner Staffelei sitzen und sehe das heitere Lächeln in seinem Gesichte, als ich ihm diese Geschichte vorlas. Niemand verstand die seltene Kunst anteilnehmenden Zuhörens besser als er; und als ich zu Ende gelesen hatte, da sprach er —- mehr zu sich selbst und ohne seine Arbeit zu unterbrechen —: ,,Du hast deinen Großvater nicht gekannt; aber du kennst das Haus in Groß-­Steinheim und die Kunstwerkstatt, die er vor fünfzig Jahren gegründet hat. Du weißt auch, daß er ein tüchtiger Altarbauer und Holzbildhauer gewesen ist, Du darfst mit Recht stolz darauf sein, solchen Großvater zu haben. Seine Söhne — meine drei Brüder und ich — sind Künstler geworden, der eine Holzschnitzer, der andere Bildhauer, der jüngste Architekt und ich Kunstmaler. Dein Onkel in München hat den Namen unserer Familie zu hohem Ansehen gebracht. Siehst du, das alles verdanken auch wir einer ,,Ohrfeige zur rechten Zeit!‘ Und dann — er mochte mein verständnisloses Starren hinter seinem Rücken gespürt haben — legte er den feinen Pinsel, mit dem er soeben die Konturen eines lieblichen Marienbildes zart angedeutet hatte, bedachtsam neben die Palette, drehte sich zu mir herum, und seine kindlich-guten hellen Maleraugen, deren Blick mich immer durchwärmte und ein unnennbares Glücksgefühl in mir erregte, ruhten innig auf mir, als er weitersprach: ,,Ja, es muß eine tüchtige Ohrfeige gewesen sein; und du bist heute noch zu klein, um die Bedeutung dieser Ohrfeige zu verstehen. Aber das darfst du schon wissen, daß es deine eigene Urgroßmutter gewesen ist, die vor mehr als hundert Jahren eine Ohrfeige ausgeteilt hat, die zur guten Schicksalswendung im Leben unserer Familie führte. Wenn du älter bist, dann kannst du die Geschichte selber lesen, wie sie dein Großvater niedergeschrieben hat.“ Damit wandte er sich seiner Arbeit wieder zu, und ich, wissend, daß jede weitere Frage zwecklos war, war tief gekränkt. Denn nichts schmerzte mich als Kind mehr, als wenn man mir sagte, ich sei für etwas noch zu jung und müsse warten, bis ich älter wäre.

Es sollte eine der letzten wirklich schönen und friedvollen Stunden der Gemeinsamkeit zwischen Vater und Kind gewesen sein. Einige Wochen später brach der erste Weltkrieg aus. Mein Vater — er war nie Soldat gewesen und allem Uniformierten und Militärischen abhold —wurde zwar nicht eingezogen; aber er mußte bald das wundervolle Maleratelier — das Paradies meiner Kindheit

—        aufgeben und in der Pulverfabnik St. Wolfgang bei Hanau als Zivildienstverpflichteter arbeiten, Für meine Mutter und mich war es ein Jammer, wenn wir die von der Arbeit in der Pulvermühle gelbgefärbten Finger der feinen Künstlerhand sahen, wenn wir erleben mußten, wie der Fünfzigjährige von Woche zu Woche mehr verfiel, wie aus einem heiteren, lebensfrohen, kräftigen Manne in wenigen Jahren ein Greis wurde, den Fremde auf siebzig Jahre schätzten. Der entnervenden Nachkriegszeit war der Sechsundfünfzigjährige nicht mehr gewachsen. Ein Schlaganfall endete im September 1922 sein Leben.

Ich war damals siebzehn Jahre alt. Die Urgroßmutter und ihre ,,Ohrfeige“ waren vergessen. Da fiel mir unter den nachgelassenen Papieren meines Vaters ein großer vergilbter Umschlag in die Hände. ,,Aus meinem Leben" — nur diese drei Worte waren die Aufschrift in dem vertrauten Schriftzug des lieben Toten. Der Umschlag enthielt neben kleinen Erlebnisberichten, Gedichten und Skizzen lose

zusammenhängende engbeschriebene Blätter, deren oberstes in wunderschöner Schrift die Worte trug:

 

Dem Gedächtnis meiner liebsten Mutter Margarete Busch, geborene Roth

 

Während mein Auge sich noch an den wunderschönen alten Schriftzeichen erfreute, packte mich jäh die Erinnerung an das von sommerlichen Morgensonne durchflutete Maleratelier, und ich hörte meinen Vater sprechen von der Urgroßmutter und der bedeutsamen ,,Ohrfeige“.

Da hatte ich auch schon das erste Blatt umgeschlagen, und ich las und erkannte beim Weiterlesen immer mehr, wie wunderbar Gottes Wege sein können, wenn der Mensch das Seine dazu tut.

 

16 März 1863! — ein Tag zwiefacher Bedeutung in meinem Leben. Heute habe ich die neue Werkstatt in Groß-Steinheim eingerichtet, in der ich — so es Gottes Wille ist — nur zu seinem Ruhm und zu seiner Ehre arbeiten will. Und heute sind es vierzig Jahre, da die mir das Leben gab, der ich im letzten Grunde nächst Gott alles verdanke, was ich erreicht habe, Sie hat das neue Haus nicht mehr erleben dürfen; seit einem Jahr deckt sie die geweihte Erde. Fünfundsiebzig Jahre rastloser Arbeit sind ihr Los gewesen; doch war es auch ein Leben, das sich erfüllt hat. Und heute, da ich nicht weiß, wie ich der Teuren danken soll, drängt es mich, ihr zu Ehren, meinen Nachkommen aber zur rührenden Erinnerung, die seltsamste Begebenheit ihres und meines Lebens niederzuschreiben.

 

Meinen Vater, den Senator Johann Georg Busch, habe ich nie gekannt. Als er starb, zählte ich zwei Jahre. Wenn meine Mutter von ihm sprach, so lag im Klang ihrer Stimme stets hohe Achtung, ja Verehrung für einen vortrefflichen und rechtschaffenen Mann. Einzelheiten aus den zehn Jahren ihrer Ehe hat sie ihren Kindern nie erzählt. Es ist nur natürlich, daß ich als der Letztgeborene der nicht mehr ganz jungen Frau — sie war bei meiner Geburt bereits sechsunddreißig Jahre alt — in ganz besonderem Maße ans Herz wuchs. Meine Mutter betrieb eine kleine Landwirtschaft; sie verkaufte die Erzeugnisse aus dem Garten und aus dem Hühnerhofe auf dem Markt in dem nahe­gelegenen Hanau und war stolz darauf, durch eigener Hände Arbeit und ohne fremde oder Verwandtenhilfe die vaterlose Familie — ich hatte noch zwei ältere Geschwister — redlich zu erhalten.

Je älter ich wurde, um so mehr vertiefte sich das innige Verhältnis zwischen mir und meiner Mutter. Stundenlang konnte ich ihr ernstes Gesicht betrachten; es erschien mir fast ebenso lieblich wie das der Himmelskönigin auf dem linken Seitenaltare der Pfarrkirche, von dessen Anblick ich mich immer gewaltsam losreißen mußte. Ein Meister des späten Mittelalters hat dieses Bildnis geschnitzt. Die Krone gab er der Gottesmutter aufs Haupt, und die Mondsichel erglänzt zu ihren Füßen. Lang wallt das Haar über die Schultern hernieder. Heute weiß ich, daß es zu den besten Werken gehört, welche die Bildhauerkunst der Vergangenheit uns hinterlassen hat. Und ich glaube, daß es vor allem dieses herzensfrohe Bildwerk gewesen sein muß, das in seiner besonderen Art und Kraft in mir den ersten Wunsch erweckte, so wunderbar Schönes selbst schaffen zu können. Bildschnitzer wollte ich werden! Meine arme Mutter erschrak, als ich diesen Gedanken ihr anvertraute. Wie mußte ihr Herz gelitten haben, als sie mir, ihrem liebsten Sohne, dieses für unsere kargen Lebensverhältnisse unmöglich erscheinende Ziel auszureden versuchte. Aber was in ihren Kräften stand, das tat sie: ich durfte das Schreinerhandwerk erlernen,

Und dann kam ein Oktoberabend. Ein halbes Lehrjahr hatte ich hinter mir. In meiner Seele war Bitterkeit. Warum waren wir so arm, warum konnte mein heißer Wunsch sich nicht erfüllen! In diesem unerträglichen inneren Schmerz, dessen eigentliche Ursache ich ja nicht erkennen konnte, schleuderte ich meiner geliebten Mutter harte Worte der Anklage gegen Gottes vermeintliche Ungerechtigkeit entgegen.

Wortlos starrt die Mutter mich an! — Dann brennt plötzlich ihre harte arbeitsgewohnte Hand auf meiner Wange; doch fast im gleichen Augenblicke fühle ich mich von weichen Mutterhänden umschlungen. Ich liege vor ihr auf den Knien und weine so haltlos in ihren Schoß, als müsse alles Leid der Welt in meinen Tränen dahinströmen. Die Hände der Mutter streicheln mein Haar; die Stille der dunklen Küche — schwach erhellt vom Herdfeuer —wird nur unterbrochen von meinem Schluchzen. — Und da beginnt meine Mutter und spricht in das Dunkel. Bei ihren ersten Worten richte ich mich langsam auf und suche ihre Augen, die im rötlichen Widerschein der Herdflamme von einem seltsamen Glanze erfüllt sind. Sie holt weit aus und erzählt von ihrer Kindheit, ihrer trotz der harten Kriegsjahre sonnigen Jugend. — Und dann ist das kleine Mainstädtchen erfaßt vom Grauen des Krieges. Es ist Ende Oktober des Jahres 1813. Napoleons nach der Schlacht bei Leipzig flüchtende Truppen sammeln sich bei Hanau. Meine Mutter, damals ein reifes Mädchen von sechsundzwanzig Jahren, sitzt mit den Ihren, angstvoll das Schlimmste erwartend, im behaglichen Wohnraum des väterlichen Hauses. Da — ein hartes Klopfen und Rufen an der verschlossenen Haustüre! Dem rasch öffnenden Vater steht ein hoher französischer Offizier, von einigen Soldaten begleitet, gegenüber. Man begehrt Quartier. Die Soldaten werden untergebracht, der Offizier erhält das beste Zimmer des Hauses. Niemand schläft in dieser Nacht. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen im Hause, das erst in den frühen Morgenstunden einer bedrückenden Stille weicht.

Am Vormittage bereitet meine Mutter den Morgentrank für die Familie. Sie deckt eben den Tisch, als nach kurzem Anklopfen die Türe geöffnet wird. Der fremde Offizier steht im Zimmer. Seine dunklen Augen scheinen den Frieden, den der Raum atmet, in sich einsaugen zu wollen und bleiben schließlich auf dem Mädchen haften, das den Fremden verwirrt und ängstlich, aber auch angenehm überrascht ansieht. Er ist ein stattlicher Mann, etwa vierzig Jahre alt. Sein Wesen strömt eine männliche Kraft aus, die jedoch nicht fürchten macht, sondern vielmehr Vertrauen einflößt. Eine Sekunde nur — oder ist es eine Ewigkeit —ruhen die Augen der beiden Menschen ineinander; und da durchzuckt das Mädchen das Gefühl, es stehe kein Fremder vor ihm, sondern ein Mensch, der ihm im innersten Wesen vertraut ist. Doch hat sie sich wieder ganz in der Gewalt, als er sich leicht gegen sie verneigt und mit angenehmer Stimme spricht: ,,Entschuldigen Sie, mein Fräu­lein, wenn mein unvermitteltes Eintreten Sie erschreckt haben sollte. Ich vermutete den Hausherrn hier.“ — ,,Der Vater ist im Hofe.  Sie gestatten, daß ich ihn rufe! " - — damit

eilt sie an dem Fremden vorbei, dem Gesuchten Bescheid zu geben.

Am folgenden Morgen springt Margarete die Treppe des noch halbdunklen Wohnhauses hinunter und bemerkt den Gast nicht, der sie, untenstehend, lächelnd beobachtet; und ehe sie sich's versieht, fängt er sie in den Armen auf und kann, den glücklichen Zufall nutzend, sich nicht enthalten, die morgenfrischen roten Lippen zu küssen. Fast gleichzeitig aber taumelt er, von kräftiger Mädchenfaust getroffen, gegen die Haustüre, und seine Wange brennt von hartem Schlage. Margarete, die jetzt erst erkennt, wer wutbebend und zornig vor ihr steht, möchte vor Scham und Angst im Erdboden versinken. Sie weiß nicht, was in dem Franzosen, dem stolzen Offizier, vor sich geht. Doch dieser ergreift die Hand, die ihn geschlagen hat. — ,,Verzeihung, Mademoiselle!“ sagt er, in dem er ihre Hand an die Lippen führt, ,,lassen Sie mich die Hand einer Frau küssen, die so tapfer ihre Ehre zu verteidigen weiß !“

Das Herdfeuer war erloschen, es war ganz dunkel geworden

in der Küche. Wie fallende Tropfen drangen die

halblauten Worte meiner Mutter an mein Ohr. Jahre später dran gen sie auch in mein Herz. — Aber das sagte sie noch

am Ende ihrer Jugendgeschichte ,,Warum ich dir das

alles gerade jetzt alles erzählen musste? Oh mein Georg, als du heute Abend so voller Bitterkeit warst, in deiner Unzufriedenheit gar den Herrgott beleidigtest - da schlug ich dich.

— Und wollte doch nie mehr im Zorn die Hand gegen einen Menschen erheben. Der fremde Offizier verließ am gleichen Morgen mit seinen Soldaten unser Haus, um in den Kampf zu ziehen; es war der 30. Oktober 1813 Viele mußten an diesem Tage ihr Leben lassen — vielleicht war er dabei. Ich weiß seinen Namen nicht und habe auch

nie mehr von ihm gehört. Du aber glaube deiner Mutter:

Gott allein müssen wir überlassen, unser Geschick zu lenken. Tue das stets ganz, was deine Kräfte vermögen; alles andere müssen wir ihm anheimstellen.“ — So und ähnlich sprach meine Mutter an diesem Abend zu mir, und ihre Worte haben mich wunderbar getröstet. Und wenn wieder Unzufriedenheit in mir einkehren wollte, dann erinnerte ich mich jenes Abends, da meine Mutter mir einen Teil ihres eigensten Erlebnis erschlossen hatte, das mich mehr ahnen als wissen ließ von Opfer und Entsagung einer edlen Frau.

Im Mai 1841 begab ich mich nach beendeter Schreinerlehrzeit auf die Wanderschaft. Sie führte mich im Sommer 1842 über den Rhein in ein Dörfchen unweit der Stadt Kolmar. Dort fand ich bei einem freundlichen Meister Arbeit.

Als ich an einem sonnigen Septembervormittage die Werkstatt betrete, sehe ich den Meister in angeregter Unterhaltung mit einem mir fremden, hochgewachsenen alten Herrn, dessen Haltung und Kleidung einen Mann von Adel vermuten läßt. Ich habe eben meine Arbeit begonnen, als der Meister mich anruft. ,,Das ist Georg“, sagt er zu dem Herrn, ,,ich glaube, Herr Baron können ihm die Restaurierung der wertvollen Eichentruhe unbesorgt anvertrauen !“ Der Herr — es ist Baron de Neufville, der mit seinem Diener Baptiste das in der Nähe gelegene Schloß bewohnt — sieht mich aus dunklen Augen an, als wolle er auf den Grund meiner Seele dringen. Dann wendet er sich plötzlich wieder dem Meister zu: ,,Gut, ich will sehen. Baptiste wird Ihren jungen Mann morgen zu mir führen!“

 —Etwa vier Wochen später stehe ich im kleinen Salon

des Schlosses. Baron de Neufville will nach Abschluß der ausgeführten Arbeiten mich persönlich sprechen. Ich habe das Vertrauen, das mein Meister in mich gesetzt hat, verdient; der Baron hat ihm gegenüber seine vollste Zufriedenheit ausgesprochen. Es hat mich froh und stolz gemacht, die Anerkennung des Barons erworben zu haben, dessen Sachkenntnis seine hohen Ansprüche an das Können eines Handwerkers rechtfertigt.

Die sinkende Sonne des klaren Oktobertages wirft rotflammende Reflexe durch die hohen Fenster des bei allem Reichtum der Ausstattung zu träumerischem Verweilen anmutenden Raumes auf ein Bild, das mich ganz in seinen Bann zieht. Aus den Augen dieser ernstschauenden Frau spricht unendliche Güte; mir wird so eigen ums Herz, als sähe meine Mutter mich an.

Der Eintritt des wohl siebzigjährigen Barons unterbricht jäh mein Träumen. ,,Verstehen Sie auch etwas von Malerei, junger Freund?“ — sein verbindliches Lächeln wandelt sich in zurückhaltenden Ernst — ,,es ist meine Mutter, die zu allen Zeiten schützend und segnend über meinem nicht immer ungefährdeten Leben stand.“ — Eine Handbewegung läd mich ein, ihm gegenüber Platz zu nehmen. Ohne Übergang spricht der Baron weiter: ,,Man erzählte mir, Sie stammen aus Hanau. Leben Ihre Eltern dort?“ Ich verberge mein Erstaunen über diese unerwartete persönliche Anteilnahme des sonst sehr schweigsamen und zurückhaltenden vornehmen Mannes, berichte vom frühen Tode des Vaters, dem entbehrungsreichen Leben meiner Mutter. Der Baron hört zu, ohne mich zu unterbrechen. Doch als der Name ,,Steinheim“ fällt, zeigt sich im Glanze der noch jugendlichen Augen eine fast unmerkliche Veränderung. Er scheint mir kaum noch zuzuhören, Plötzlich ergreift er die auf dem zwischen uns stehenden Tischchen befindliche Handglocke. Ihr Klang ruft den Diener. ,,Baptiste, eine Flasche Medoc und zwei Gläser!“ — Ich verstehe das alles nicht. Da hebt der Baron das gefüllte Glas mir entgegen: ,,Trinken wir auf das besondere Wohl Ihrer Heimatstadt! Sie birgt für mich eine eigenartige Erinnerung, die ich nicht missen möchte!“ — Und als die Gläser geleert sind, kann ich meine Neugierde nicht länger zügeln und frage geradezu: ,,Herr Baron, ich möchte nicht aufdringlich erscheinen; aber Sie scheinen meine Heimat zu schätzen. Es wäre mir eine Ehre, erfahren zu dürfen, welchem Ereignis ich Ihre liebenswürdige Anteilnahme verdanke.“ — Der Baron schweigt lange und sieht mich nur an. Dann sagt er: ,,Ich bin Ihnen wohl eine Erklärung schuldig. Sie selbst und dann die Erwähnung Ihres Geburtsortes haben in mir die Erinnerung an ein Erlebnis wachgerufen, das sich unauslöschlich meinem Herzen eingeprägt hat.“ Der Baron erzählt. Ich glaube meinen eigenen Ohren nicht trauen zu dürfen. Das muß doch ein Traum sein. Denn was ich da vernehme, ist ja nichts anderes als die Geschichte der Ohrfeige, die meine liebe Mutter an jenem denkwürdigen Oktoberabend vor fünf Jahren mir anvertraut hat. Ich muß alle Beherrschungskraft aufbieten, den Baron nicht zu unterbrechen, und als er dann endet:

,,Sehen Sie, da habe ich in diesem Mädchen Ihr Land und seine Menschen hochachten und lieben gelernt. Die Gestalt dieses Mädchens steht ewig vor mir als die Verkörperung jenes Ideals, das jeder Mann von Ehre in einer Frau sucht. Sie werden das erst ganz verstehen, junger Freund, wenn Sie einige Jahre älter sind. — Aber was ist Ihnen denn?“ Ich kann meiner ständig wachsenden Erregung kaum mehr Herr werden: ,,Herr Baron!“ — meine Kehle ist wie zugeschnürt, nur mit Mühe vermag ich Tränen zurückzuhalten — ,,Herr Baron! — dieses Mädchen — ist — meine Mutter!“ — Der Baron springt auf! Fassungslos starrt er mich an. Seine dunklen Augen forschen in meinem Gesicht. — ,,Nein, das ist doch unmög­lich!“, sprechen seine Lippen; er kann unsere seltsame Begegnung ebensowenig fassen wie ich. — ,,Herr Baron“, sage ich wieder, während meine Hand nach dem Herzen tastet und das kleine Emaillebild sucht, ,,sehen Sie selbst!“

 

An demselben Abend noch muß ich meine wenigen Habseligkeiten vom Dorfe heraufholen. Bis zu meiner Abreise soll ich als Gast des Barons bei ihm leben. Er hat meinen Herzenswunsch, Altarbauer und Holzbildhauer zu werden, aus mir herausgefragt und will die Kosten der Ausbildung übernehmen.

 

Heute — zwanzig Jahre nach dieser schicksalhaften Begegnung — stand ich am Grabe meiner Mutter. Da zogen die Bilder ihrer und meiner Vergangenheit .an meinem Geiste vorüber, und ich erkannte so deutlich wie nie zuvor, wie im letzten Grunde Gott die Geschicke derer zum besten lenkt, die starkmütig und reinen Herzens sind.“

 

Tief bewegt, im Innersten aufgewühlt, legte ich die Blätter mit den Aufzeichnungen meines Großvaters aus der Hand. Nun wußte ich, was es mit der ,,Ohrfeige der Urgroßmutter“ für eine Bewandtnis hatte. Das war mehr als ein seltsames Spiel des Zufalls. Der eigenartige Zauber, der in dem schlichten Berichte dieses Mannes lag, ließ mich nie mehr los, Ich suchte einen tieferen Sinn in dem merkwürdigen Geschehen, einen Sinn, der nicht nur für eine Familie, nicht nur für ein Volk, der vielmehr für das gesamte menschliche Geschehen von Bedeutung sein mußte. Die Vollendung als Künstler, die dem Sohne Margaretens in seinen Knaben- und Jünglingsträumen vorgeschwebt hatte, durfte er selbst nicht erreichen; aber er tat das Seine mit allen Kräften, die in ihm lagen. Und seine Selbstbescheidung trug reiche Frucht: In seinem zweiten Sohne, nach dem Vater Georg genannt, erstand der Künstler, der bestimmt war, als Bahnbrecher christlicher Kunst Werke zu gestalten, die das gesamte religiöse Kunstschaffen neu belebten. Es ist der am 8. Oktober 1943 in seiner Wahlheimat München verstorbene Bildhauer und Organisator Professor Georg Busch.

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